Glossar: Begriffserklärungen

Wertarten und Wertermittlungen

Autor:  Peter Diehl
Wertarten und Wertermittlungen
Ein seltener Rometsch Lawrence (1957 bis 1961) sollte zumindest mit seinem Wiederbeschaffungswert versichert sein.

Mitunter ist es nicht einfach, nahe beieinander liegende Begriffe klar zu trennen. Wir helfen dabei. Für andere, bislang mehr schlecht als recht erklärte Begriffe finden wir allgemein verständliche Worte.

 

Welche Wertart und Wertermittlung sind für mein Fahrzeug sinnvoll?

 

Ein und dasselbe historische Fahrzeug kann bis zu drei verschiedene monetäre Werte besitzen: Marktwert, Wiederbeschaffungswert und ggf. Wiederherstellungswert.

Unter Marktwert versteht man, analog zu modernen Alltagsfahrzeugen, den aktuellen durchschnittlichen Handelswert eines historischen Fahrzeugs im Privatmarkt, also ohne Händlermarge und Steuer. Nur bei seltenen und somit auch selten gehandelten Fahrzeugen werden zudem Händlerverkäufe und Auktionsergebnisse berücksichtigt. Der Marktwert ist also die passende Art des monetären Werts für in größerer Stückzahl existente und deshalb oft privat gehandelte historische Fahrzeuge.

Im Gegensatz zum Marktwert beziffert der Wiederbeschaffungswert den aktuellen durchschnittlichen Wert des historischen Fahrzeugs im gewerblichen Handel, also inkl. Händlermarge und Steuer. Im Regelfall liegt der Wiederbeschaffungswert 20 bis 25 Prozent über dem Marktwert. Der Wiederbeschaffungswert erscheint somit für überwiegend gewerblich gehandelte historische Fahrzeuge passend.

Unabhängig vom aktuellen durchschnittlichen Handelswert, addiert der Wiederherstellungswert (Alternativbezeichnung: Wiederaufbauwert) alle Kosten für Kauf sowie Neuaufbau oder Restaurierung eines historischen Fahrzeugs. Relevant ist diese Art des monetären Werts für Fahrzeuge, in die in Summe deutlich mehr als der Wiederbeschaffungswert eines vergleichbaren Fahrzeugs investiert wurde. Wer sein historisches Fahrzeug zum Wiederherstellungswert versichern will, benötigt Belege für die außergewöhnlichen Investitionen. Prüforganisationen und freie Sachverständige bieten Neuaufbau oder Restaurierung begleitende Wiederherstellungsgutachten an.

Bei der Ermittlung des monetären Werts historischer Fahrzeuge werden Selbsteinschätzung, Kurzbewertung, langes Gutachten, Aktualisierungsgutachten und das erwähnte Wiederherstellungsgutachten unterschieden.

Die Selbsteinschätzung des monetären Werts erfolgt durch den Besitzer, ggf. unterstützt durch sein privates Umfeld, weshalb es sich um eine subjektive Einschätzung handelt. Dient die Wertfeststellung zur Festlegung einer Kaskoversicherungsprämie, genügt manchen Versicherungen die Selbsteinschätzung, sofern individuell definierte Grenzen nicht überschritten werden. Beispielhaft für die Oldtimerversicherung autosan CLASSIC: 20.000 Euro für Pkw und 10.000 Euro für andere Fahrzeugbauarten.

Unter Kurzbewertung ist die grobe äußere Inaugenscheinnahme eines Fahrzeugs zu verstehen, in der Regel ohne Nutzung einer Hebebühne oder Montagegrube und ohne Probefahrt. Somit eignet sich die Kurzbewertung nicht als Basis für den Fahrzeughandel, sondern dient allein zur Festlegung einer Kaskoversicherungsprämie. Auch für die Zugrundelegung einer Kurzbewertung haben Versicherungen individuelle Grenzen definiert. Beispiel: 40.000 Euro für Pkw und 20.000 Euro für andere Bauarten.

Werden im Rahmen der Erstellung einer Kurzbewertung auch Hebebühne oder Montagegrube benutzt und eine kurze Probefahrt unternommen, spricht man von einer erweiterten Kurzbewertung. Manche Versicherungen fordern diese Art der Kurzbewertung, um deren Aussagekraft zu verbessern, ohne zugleich Versicherungsnehmer finanziell höher zu belasten.

Wegen ihres nicht seltenen Missbrauchs als Verkaufsgutachten ist die Kurzbewertung umstritten. Vertreter beteiligter Interessengruppen (Sachverständigenorganisationen, Händler, Versicherungen, Finanzdienstleister, Oldtimerclubs etc.) fordern die Anpassung der Gutachtenart an Verwendungszweck und monetären Fahrzeugwert sowie in der Kurzbewertung enthaltene Aussagen zum Zweck der Gutachtenerstellung, zum Untersuchungsumfang und zum Grad der Verbindlichkeit (für welche Inhalte der Sachverständige haftend eintritt).

Ein langes Gutachten geht deutlich über Umfang und Tiefgang einer Kurzbewertung hinaus. Auflistung relevanter technischer Daten, detaillierte Untersuchung und Bewertung sämtlicher Baugruppen, Besichtigung des Fahrzeugs auch auf einer Hebebühne oder Montagegrube, Probefahrt und umfangreichere Bilddokumentation sind dessen Inhalte. Diese münden, wie bei einer Kurzbewertung, in Zustandsnote und Wertangabe, wobei die Einschätzungen bei einem Vollgutachten fundierter sind.

Bei höherwertigen Fahrzeugen sollte das lange Gutachten deshalb als Standardgutachten betrachtet werden, auch zur Festlegung einer Kaskoversicherungsprämie. Viele Versicherungsunternehmen fordern dies, beispielsweise bei Werten jenseits 40.000 Euro für Pkw und 20.000 Euro für andere Bauarten.

Ein Aktualisierungsgutachten ist dann angebracht, wenn die Vermutung besteht, der monetäre Wert des historischen Fahrzeugs hat sich verändert, beispielsweise durch eine gewachsene Begehrlichkeit der Baureihe, wenn weitere zum Fahrzeug gehörige Dokumente gefunden wurden oder wenn neue Erkenntnisse zur Historie vorliegen. Wie der Begriff bereits vermuten lässt, baut das Aktualisierungsgutachten auf einem bestehenden langen Gutachten auf, berücksichtigt die genannten Veränderungen und weist ggf. einen neuen monetären Wert aus.

Wenn die Summe der Kosten für Kauf sowie Neuaufbau oder Restaurierung eines historischen Fahrzeugs deutlich über dessen Wiederbeschaffungswert liegt, erscheinen ein Wiederherstellungsgutachten und eine entsprechende Versicherung sinnvoll. Ein Wiederherstellungsgutachten bedarf der Ausführlichkeit des langen Gutachtens. Hinzu kommt die detaillierte Auflistung aller Kosten einschließlich deren Belege. Eine Kurzbewertung als Basis des Wiederherstellungsgutachtens ist somit ausgeschlossen. Wie erwähnt, bieten Prüforganisationen und freie Sachverständige diese Gutachtenart an, die begleitend zu den Neuaufbau- oder Restaurierungsarbeiten erstellt wird.

Kurzbewertung, langes Gutachten, Aktualisierungs- und Wiederherstellungsgutachten sind objektive Einschätzungen von neutralen Sachverständigen und beinhalten die Bewertung von Fahrzeug, Dokumenten und belegbarer Historie. Während für eine Kurzbewertung in der Regel ein Festpreis gilt (oft 150 bis 200 Euro), werden die Preise für ein langes oder ein Wiederherstellungsgutachten meist nach dem tatsächlichen Zeitaufwand berechnet und können durchaus vierstellig ausfallen. Die Kosten eines Aktualisierungsgutachtens sind wiederum deutlich geringer, hängen aber vom Aktualisierungsumfang ab.