Im Schadenfall

Beilackierung vernichtet historische Substanz

Autor:  Peter Diehl
Beilackierung

 

Sollten besonders original erhaltene Oldtimer im Schadenfall beilackiert werden? autosan CLASSIC verneint und erläutert den Hintergrund.

 

Wessen Fahrzeug einen Schaden erleidet, will diesen ungeschehen machen. Das ist sein gutes Recht; zu diesem Zweck existieren Versicherungen. Doch nicht alles, was bei der Reparatur moderner Fahrzeuge üblich ist, tut auch Oldtimern gut. Zum Beispiel die Beilackierung.

Über das Für und Wider der Beilackierung wird häufig und intensiv diskutiert. Fahrzeugbesitzer und Werkstätten sind meist dafür, Versicherungen in der Regel dagegen. Jede Partei hat für ihren Standpunkt gute Gründe, die allerdings nicht gleichermaßen für moderne und historische Fahrzeuge gelten. Warum? Weil bei Letzteren mit einer Beilackierung womöglich weitere historisch und monetär wertvolle Substanz zerstört wird.

Bereits seit einigen Jahren erfahren Oldtimer im besonders originalen materiellen Zustand eine höhere Wertschätzung. So bezeichnet werden Fahrzeuge, denen Renovierungen und Modifizierungen gegenüber dem Auslieferungszustand gänzlich oder zumindest weitgehend erspart blieben. Unter den mehr oder weniger intensiven Gebrauchsspuren lassen sich werksoriginale Materialien und Fertigungsverfahren identifizieren und historisch einordnen. Nicht selten wirkt sich der erhöhte historische auch auf den monetären Wert aus. Beispielsweise während Auktionen, wenn ein besonders original erhaltenes Fahrzeug im technischen Zustand 3 einen höheren Preis erzielt als ein vergleichbares, komplett renoviertes Note-1-Fahrzeug.

Verunfallt ein solches Fahrzeug, ist bei seiner Instandsetzung besondere Sorgfalt geboten. Dazu gehören selbstverständlich die Nutzung von Materialien, Werkzeugen und Reparaturverfahren aus der normalen Gebrauchsphase des heute historischen Fahrzeugs, fixiert in Artikel 7 der Charta von Turin, aber auch die Flächenbegrenzung der Reparaturstelle. Das schließt Beilackierung aus, denn sie würde die Reparaturstelle auf mindestens ein benachbartes, vom ursprünglichen Schaden nicht betroffenes Karosserieteil ausdehnen. Dem Besitzer eines Oldtimers im besonders originalen materiellen Zustand wäre mit dieser Vorgehensweise nicht gedient, weil sie Substanz zerstört und somit den historischen und ggf. monetären Wert des Fahrzeugs beeinträchtigt.

Was also tun? Die Oldtimerversicherung autosan CLASSIC empfiehlt in diesem Fall die Freigabe zusätzlicher Versuche der Farbtonfindung. Bis zu fünf Versuche sollten grundsätzlich möglich sein, in begründeten Einzelfällen auch mehr. Qualifizierte Fachleute kennen zudem Mittel und Wege, reparaturlackierte Flächen optisch an Originalflächen anzupassen, ohne in den Bereich zweifelhafter Patina-Imitationen zu geraten.

Vorbehalte aus finanziellem Blickwinkel sind unbegründet. Der vergrößerte zeitliche und somit finanzielle Aufwand der Farbtonfindung wird durch den Entfall der Beilackierung und eine ggf. reduzierte schadenbedingte Wertminderung ausgeglichen.

Bei der Instandsetzung eines historischen Fahrzeugs geht es also zunächst darum, dessen Status sicher zu erkennen und die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Historisch wertvoll kann übrigens auch eine in der normalen Gebrauchsphase des Fahrzeugs erfolgte Reparatur- oder Umlackierung sein, sofern sie professionell und hochwertig ausgeführt wurde.

Begriffserklärung
Unter Beilackierung ist die Ausweitung der Reparaturlackierung auf mindestens ein benachbartes, vom ursprünglichen Schaden nicht betroffenes Teil der Karosserieaußenhaut zu verstehen. Wird bei der Reparaturlack-Anmischung der Farbton nicht exakt getroffen, verläuft entlang des Spalts zwischen reparaturlackiertem und nicht reparaturlackiertem Karosserieteil eine Farbtongrenze. Diese harte Grenze lässt den Farbtonunterschied selbst für ungeübte Augen sichtbar werden. Eine Beilackierung soll Abhilfe schaffen; durch sie läuft die Reparaturlackierung im benachbarten Karosserieteil aus. Eine harte, sofort erkennbare Farbtongrenze wird vermieden, womöglich aber auch über den ursprünglichen Schaden hinaus werksoriginale Substanz vernichtet. Bei historischen Fahrzeugen kann das zu Wertminderung führen.